„Die erste Frau habe ich mit drei umgebracht.“
Schmatzend raupten sich die schrundigen, spröden Lippen auf der Zigarre ein Stückchen weiter nach vorn, um die Havanna dort dicht und gespitzt zu umschlingen. Erste Herpesbläschen zeigten sich auf der leicht nach außen gewölbten Innenseite der Unterlippe.
Genußvoll zogen sich die Backen nach innen zusammen. Unter einem kräftigen Zug glühte das freistehende Ende der Zigarre hell und flunkernd auf. Ascheteilchen lösten sich und schwebten auf den klebrigen, speckigen PVC-Boden.
Die gespreizten Finger führten die glimmende Tabaksrolle aus dem Mund, dessen Lippen weiterhin einen kleinen Kreis formten. Durch dieses Loch bliesen die Backen gleichmäßig und lang anhaltend den inhalierten Rauch aus den Lungen, der sich dabei mit ungepflegtem, zwiebeligem Atem vermengte.
„Meine Mutter.“
Für einen Moment verloren sich die über gewaltigen Tränensäcken in tiefen, schwarzen Höhlen gelegenen Augenschlitze in der Vergangenheit.
„Diese Schlampe!“
Ruckartig drehte er ihr den wuchtigen Kopf zu. Die Erinnerung veränderte sein entspanntes Gesicht in eine schnaubende, pulsierende Masse. Seine Augen zwängten sich zu noch schmaleren, noch gefährlicheren Schlitzen zusammen, über denen buschige, zerzauste Brauen unruhig zuckten. Die Nüstern seiner festen, knolligen Nase pumpten laut und heftig Luft aus und ein. Die Mundwinkel verzogen sich bedrohlich nach unten, wobei sich die Lippen in unappetitliche Runzeln zusammenzogen.
Seine rechte Hand verstärkte den Griff. Erste Röchellaute knackten aus ihrer Kehle, deren Stimmbänder der fleischige Schraubstock an ihrem Hals schon vor geraumer Zeit hatte verklingen lassen.
Mit aller ihr noch zur Verfügung stehenden Kraft kratzten ihre Fingernägel an seiner Rechten, traten ihre Füße nach den Schienbeinen des Peiniger, sogen ihre Lungen nach rettender Luft, flehten ihre hervortretenden Augäpfel um Gnade.
Umsonst. Aufsteigender Haß verstärkte sowohl den abstoßenden Ausdruck seiner Grimasse als auch die Kraft, mit der seine pfannengroße, hornhautüberzogene Hand ihren Schlund zusammenquetschte.
Während ihr Bewußtsein allmählich in ein graues, nebulöses Jenseits hinwegdämmerte, quoll die Halsschlagader zwischen seinen Fingern dick und dunkelblau hervor. Sehnen und Muskeln verkrampften sich unter der sich zuziehenden Pratze. Ein letztes, aufbäumendes Zucken, das sich dem brutalen Unheil entgegenrichtete, wurde einfach weggedrückt. Ein kurzes, heftiges Knacken aus ihrem Schlund, und das Bild einer grimmig bebenden, zornrot angelaufenen und ekelerregenden Visage war das letzte, was sie aus diesem Leben mit hinübernahm.
Er ließ den leblosen Körper vom gelben Plastikstuhl herunterfallen. Den seinen rückte er näher an den weißen Campingtisch, um die Asche in den längst überfüllten Aschenbecher zu klopfen.
Genüßlich sogen seine Lungen eine erneute Ladung kubanischen Tabak in sich hinein. Erleichtert lehnte er sich in die gelbe, knarzende Lehne zurück. Er pustete Rauchkringel unterschiedlicher Größe in die Küche. Das war schön und machte Spaß. Nichts ging eben über eine echte Havanna.
Ja, er würde erst zu Ende paffen, bevor er das Miststück zwischen den verkrusteten und vor sich hinmodernden Kochtöpfen vom Fußboden entfernte.
Seine Rechte wischte sich die Ausdünstungen der Schlampe am weißgerippten Unterhemd ab, bevor sie dunkle, fettige Haare in die richtige Lage strich, die vernarbte, kreisrunde Halbglatze am Hinterkopf verdeckend.

Auszug aus „Mords Geschwister“, 1998

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